Die Bewohner der ukrainischen Hauptstadt basteln gerne an Mythen: Alles wird ausgeschmückt, spannender gemacht, hemmungslos übertrieben. Als wäre die Geschichte der Stadt nicht aufregend und abwechslungsreich genug gewesen.
Schon über das Alter der Stadt am Dnepr sind sich Bewohner und Historiker nicht einig. Variante 1: Drei Brüder haben die Stadt am Anfang des 6. Jahrhunderts gegründet, die Festung, die ihren Standort markierte, wurde nach dem Ältesten, Kyi, benannt. Die meisten Historiker glauben jedoch, dass die Stadt knapp 400 Jahre später, nämlich 882, als fürstliche Residenz erstmals in Erscheinung trat. Die Bezeichnung "Mutter aller russischen Städte" hätte Kiew dann allerdings gar nicht verdient.
Als wäre die Geschichte im "Jerusalem des Ostens" nicht schon abwechslungsreich genug, werden hier Fakten gern zu Legenden ausgebaut. Der Boxer Klitschko als Bürgermeisterkandidat, die Demonstrationen während der Orangenen Revolution reichen nicht: Die Ukrainer behaupten etwa gern, dass schon Richard Löwenherz in einer Kiewer Burg residiert hatte (die wurde aber erst 1904 gebaut), und dass die kahlen Hügel der Stadt allesamt verwunschen und verhext seien (da fällt der Gegenbeweis schon etwas schwerer).
Wer mit offenen Ohren durch die Stadt geht und den Kontakt zu den Einwohnern sucht, wird noch mehr solcher Geschichten zu hören bekommen - mehrmals und in verschiedensten Versionen.
