Keine andere Stadt der Welt lebt so sehr von seinem anrüchigen Charakter, nirgendwo sonst schmunzelt man so offenherzig über leichte Mädchen und starken Tobak. Und nirgendwo sonst trifft man so unkomplizierte Menschen.
"To verhuren" steht auf vielen Amsterdamer Schildern, auch außerhalb des Rotlichtviertels. Neugierig, aber nicht überrascht, tritt man näher und entdeckt schnell, dass das Schild nicht anderes als "zu vermieten" bedeutet. In Amsterdam scheint ja alles möglich – bekifft in den Grachten ertrinken, sich ein blumengeschmücktes Hausboot kaufen oder in Holzschuhen zum Tanz antreten –, doch wenn man sich näher mit dem ehemaligen Fischerdorf Amstellodam beschäftigt, ist der verruchte Lack schnell ab.
Zum Beispiel wird man hier manchmal noch schief angesehen, wenn man in wilder Ehe lebt; wer am Sonntag sein Restaurant öffnet, bekommt eine Rüge von den Stadthonoratioren; auch Fußballspieler sollten am Tag Gottes den Ball lieber flach halten. Solche Wahrheiten kommen erst ans Licht, wenn man hinter die spitzgiebligen Fassaden der schmalsten Häuser der Welt schaut und hinter die Schaufenster des roten Milieus. Dann erst erkennt man die wahre Schönheit der sicher sehr toleranten, aber dennoch traditionsbewussten Metropole, in der laut dem Liedermacher Herman Van Veen jeder Bürger seine eigene Stimme hat.
